Wenn Emotionen im Meeting hochkochen
Wir wünschen uns sachlich geführte, konstruktive Meetings. Nicht selten enden sie in Endlosdiskussionen über Befindlichkeiten, die mit der Sache nur noch am Rande zu tun haben. Oft reicht ein kritischer Kommentar, ein abwertender Blick oder das Gefühl, nicht gehört zu werden, damit harmlose Inhalte zu einem ernsthaften Konflikt heranwachsen. Meetings sind nie nur ein Austausch von Informationen. In meinem letzten Seminar zum Thema Moderation haben wir uns deshalb intensiv mit Emotionen in Meetings beschäftigt und wie man professionell damit umgehen kann. Denn wer Meetings leitet, moderiert nicht nur Inhalte – sondern immer auch Menschen und deren Bedürfnisse.
Hinter jeder Emotion steckt ein Bedürfnis
Emotionen fallen nicht vom Himmel. Sie sind ein konkreter Hinweis unseres Gehirns, dass ein Bedürfnis gerade erfüllt oder verletzt wird. Der EmTrace Motivkompassâ gibt uns eine Orientierung über die vier zentralen menschlichen Motive:
- Durchsetzung & Einfluss
- Ordnung & Stabilität
- Harmonie & Geborgenheit
- Inspiration & Leichtigkeit
Werden diese Bedürfnisse erfüllt, entstehen positive Emotionen wie zum Beispiel Freude, Verbundenheit, Stolz oder Entspannung. Werden sie verletzt, entstehen weniger angenehme Emotionen wie Ärger, Unsicherheit, Traurigkeit, Langeweile oder Gleichgültigkeit. Wird jemand beispielsweise mehrfach unterbrochen oder nicht ernst genommen, kann das Bedürfnis nach Zugehörigkeit verletzt werden (Motiv 3). Die Folge: Frustration, Trauer oder auch innere Distanz. Fehlen klare Informationen oder Ziele, kann das Bedürfnis nach Sicherheit unter Druck geraten (Motiv 2). Menschen können dann beispielsweise mit Nervosität, Kontrollverhalten oder endlosen Detaildiskussionen reagieren. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, keinen Einfluss auf Entscheidungen zu besitzen, zeigt sich oft Widerstand oder passive Ablehnung – ein Hinweis darauf, dass das Bedürfnis nach Autonomie verletzt wurde (Motiv 1). Und manchmal steckt hinter starker Kritik oder emotionalen Diskussionen schlicht das Bedürfnis, etwas verbessern oder voranbringen zu wollen (Motiv 4). Emotionen sind deshalb nicht automatisch problematisch, im Gegenteil. Sie liefern wertvolle Informationen darüber, was Menschen gerade wichtig ist.
Emotionen ignorieren verschärft Konflikte
Viele Moderator:innen versuchen, Emotionen möglichst schnell zur Seite zu schieben. Aussagen wie: „Jetzt bleiben wir mal sachlich“, „Das müssen Sie nicht persönlich nehmen“ oder „Dafür haben wir jetzt keine Zeit“ wirken auf den ersten Blick professionell – führen aber oft dazu, dass sich Menschen erst recht nicht gesehen fühlen. Denn Emotionen verschwinden dadurch nicht. Meist verstärken sie sich eher. Es schwelt also weiter unter der Oberfläche, um sich dann schließlich bei nächstbester Gelegenheit wieder mit doppelter Wucht den Weg an die Oberfläche zu bahnen. So entstehen Widerstände, zähe Diskussionen, stille Blockaden oder Konflikte, die außerhalb des Meetings weitergetragen werden. In guten Moderationen erhalten Emotionen einen konstruktiven Raum, ohne dass sie das Meeting dominieren.
Was in schwierigen Situationen wirklich hilft
Gerade bei emotionalen oder strittigen Themen braucht es also sowohl eine inhaltliche als auch eine menschliche Führung.
Hilfreich ist dabei:
- Emotionen wahrnehmen, ohne sie zu bewerten
Oft reicht es schon, Spannungen respektvoll anzusprechen:
„Ich merke, dass dieses Thema gerade unterschiedliche Reaktionen auslöst.“ - Beiträge wertschätzend aufgreifen
Menschen möchten gehört werden – auch wenn ihre Meinung nicht übernommen wird. „Danke, dass du den Punkt ansprichst.“ - Unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen
Das reduziert das Gefühl, gegeneinander arbeiten zu müssen. - Struktur geben
Gerade bei emotionalen Diskussionen hilft eine klare Moderation: Ziele benennen, zusammenfassen, priorisieren und zum roten Faden zurückführen. - Gemeinsamkeiten betonen
In hitzigen Diskussionen gerät oft aus dem Blick, dass alle eigentlich an einer guten Lösung interessiert sind.
Souveränität entsteht nicht durch Kontrolle
Souveränität im Meeting entsteht durch Präsenz, Klarheit und den wertschätzenden Umgang mit Menschen. Teams arbeiten nicht deshalb konstruktiv zusammen, weil es keine Emotionen gibt. Sondern weil Menschen das Gefühl haben, respektiert, gehört und ernst genommen zu werden. Emotionen sind daher kein Störfaktor in Meetings. Sie sind ein wichtiger Hinweis darauf, was Menschen brauchen, um engagiert, offen und lösungsorientiert zusammenarbeiten zu können. Und genau darin liegt oft der Unterschied zwischen einem anstrengenden, energieraubenden Meeting und einem Meeting, das Energie und Zielorientierung schenkt.
Deine Tanja Klußmann, Expertin für berufliche Freiheit, Zufriedenheit und Erfolg
